Denkmalsturz rückwärts. Ein verlorener Gedenkort

Denkmäler als historische Lernorte sind einer der Forschungsschwerpunkte an der Professur. Marco Zerwas hat in einem Beitrag bei Public History Weekly an das Phänomen des Denkmalsturzes angeknüpft. Er stellt fest, dass die bauliche Umgestaltung eines Denkmals mit einer gesellschaftlichen Umdeutung einhergeht. Nachgewiesen am Denkmalort Deutsches Eck in Koblenz fand selbst durch die denkmalpflegerische Wiederherstellung des Originalzustandes eine solche Sinnverschiebung statt.

Nachdem das Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. im Zweiten Weltkrieg unwiederbringlich zerstört wurde, nahm die Politik Anfang der 50er Jahre eine damals zeitgemässe Neuwidmung vor. Fortan sollte an Stelle des Reiters eine Nationalflagge wehen, die als Mahnmal der deutschen Einheit dienen sollte. Diese Umwidmung fand deutschlandweit Beachtung und wurde in der Folge zum Vorbild für eine Reihe von Denkmalsetzungen mit Bezug zur Deutschen Einheit.
Als nach der Wiedervereinigung das Reiterstandbild rekonstruiert wurde, kam es zu einer weiteren gesellschaftlichen Umdeutung. Die Bezüge zur deutschen Einheit bzw. zur 40 Jahre währenden Teilung Deutschlands gingen dabei allesamt verloren. Zerwas bemängelt, dass es somit auf dem Gebiet der ‚alten Bundesrepublik‘ (abgesehen von kleineren Gedenkstätten entlang der ehemaligen Zonengrenze) keinen Gedenkort mehr gibt, der mit dem Anspruch nationaler Bedeutung die Erinnerung an die Teilung Deutschlands wachhält. Im Fall des Denkmals am Deutschen Eck kann man durch die Rekonstruktion des Originalzustandes also von einem rückwärtsgewandten Denkmalsturz sprechen.

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