Die „Bibliothek deutscher Klassiker“ im Schulunterricht? Überlegungen von Studierenden

Autor_innen: M. Bollinger, Ch. Rohrer, B. Schött, M. Sturdy *

Will man die „Bibliothek deutscher Klassiker“ in den Geschichtsunterricht einbetten, lohnt es sich, sich an Markus Gärtners Text „Bibliothek deutscher Klassiker – Die Klassiker im Leseland“ zu orientieren. Mittels BdK lässt sich die politische Grosswetterlage in der DDR erforschen: die verschiedenen Phasen des realsozialistischen Staates von der Aufbauphase über Stabilisierung und Krise bis zum Ende spiegeln sich in der Auswahl der Klassiker wieder. Daher macht es Sinn, auch weitere Themen wie beispielsweise die Zensur in den Geschichtsunterricht mitaufzunehmen. Ganz allgemein stellen sich die Frage nach der Rezeption: wer hat die Klassiker gelesen? Wie bedeutend waren sie für das Selbstbild des sozialistischen Volkes?

Anhand des Themas Zensur sollte besprochen werden, inwiefern sich der Sozialismus der DDR politisch abzugrenzen versuchte und inwiefern ein stetiger Kampf gegen äussere, westliche Einflüsse geführt wurde. Die Lernenden können sich mit der Frage befassen, was es bedeutet, wenige oder keine Inputs der „Aussenwelt“ zu erhalten und wie dies mit der Stagnation einer Gesellschaft zusammenhängt. Somit soll die Wichtigkeit eines freien, globalen (Buch-)marktes erkannt werden. Zudem muss besprochen werden, dass Zensur immer auch Schwarzmärkte entstehen lässt. Wird der Schwarzmarkt fokussiert, zeigt sich, wofür sich das Volk wirklich interessiert hat. Zudem treten Erfindergeist und Selbstorganisation der Menschen innerhalb eines totalitären Regimes hervor. Es stell sich Fragen wie: Wie sind Schwarzmärkte organisiert und welche Bedeutung haben sie für die wirtschaftliche Kaufkraft? Stellen sie eventuell auch einen indirekten Widerstand dar? Ist der florierende Schwarzmarkt ein Indikator für die Infragestellung der politischen Ideologie?

Mittels Untersuchung der BdK kann herausgefunden werden, welche Autoren auf Seiten der Regierung als relevant betrachtet wurden. Lernende können nachschlagen, inwiefern westliche Autoren in der BdK vertreten waren und gemeinsam können Vermutungen angestellt werden, die das Fehlen populärer Autoren rechtfertigten. Gleichzeitig kristallisiert sich die Autorenelite der DDR heraus. Diese hatten einen bedeutenden Einfluss auf die kulturelle Entwicklung der DDR. Mit dem Bestand jener Werke, welche als deutsche Klassiker galten, lässt sich zudem das ideologische Selbstbild feststellen, welches in der DDR für die Gesellschaft entworfen wurde.

Weiter lässt sich an der steten Veränderung des Bücherbestandes ablesen, inwiefern sich die politische Lage zu Zeiten zugespitzt oder aber wieder gelockert hatte. Nach dem Tod von Stalin, der Epoche des sogenannten „Tauwetters“, zeigt sich eine deutliche Lockerung der Zensur, wobei die Stabilisierungsphase von Konflikten hinsichtlich Aufnahme und Weglassung von westlichen Autoren geprägt ist.

Um die Methodenkompetenz der Lernenden zu fördern, würde sich Quellenarbeit an deutschen Klassikern anbieten, wodurch historische Schwerpunkte aufgearbeitet werden können und Fragen wie das Selbst- und Fremdbild einer unterjochten Gesellschaft aufgeworfen werden. Beispielsweise könnte ein Auszug eines bekannten Klassikers im Unterricht gelesen werden und Fragen dazu bearbeitet werden, inwiefern dieser Auszug für das sozialistische Selbstbild von Bedeutung ist. Eine fächerübergreifende Unterrichtsplanung wäre an dieser Stelle von Vorteil: die Behandlung der BdK sollte im Idealfall ein Gemeinschaftsprojekt von Deutsch- und Geschichtsunterricht darstellen. Somit können auch weiterführende Fragen behandelt werden: Wie hat die Verarbeitung des sozialistischen Kulturgutes innerhalb einer Gesellschaft, die sich in der Nachkriegszeit von ihrem Weltkriegstrauma zu erholen versuchte, ausgesehen? Wie prägend blieb diese Literatur in der kollektiven Erinnerung?

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Im aktuellen studentischen Wikipedia-Projekt (FS 18) wird ein Artikel zu einem der grossen literarischen Editionsprojekte in der DDR, der „Bibliothek deutscher Klassiker“, kollaborativ erstellt. Hier stellen vier Studierende ihre Überlegungen zu den aktuellen unterrichtlichen Einsatzmöglichkeiten des Wissens über dieses historische Editionsprojekt vor.

 

(c) admin: Die „Bibliothek deutscher Klassiker“ im Schulunterricht? Überlegungen von Studierenden. In: Forum Didaktik der Gesellschaftswissenschaften in der Nordwestschweiz, 21. März 2018, URL: http://www.gesellschaftswissenschaften-phfhnw.ch/die-bibliothek-deutscher-klassiker-im-schulunterricht-ueberlegungen-von-studierenden/ (abgerufen am 21. Juni 2018).
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