„Die Geschichtsbilder historischer Romane“ von Stefanie von Rüden


Zu meiner grossen Freude ist in diesen Tagen die Dissertationsschrift von Stefanie von Rüden erschienen, die 2016 an der Ruhr-Universität Bochum verteidigt worden ist. Als Betreuer und Erstgutachter habe ich daran mitgearbeitet, Zweitgutachter war Constantin Goschler (Bochum).

Die Studie ist Baustein einer systematischen Public-History-Forschung, die bisher verstreute Ansätze kombiniert und zusammenführt (dazu PHW 2015).

Die Grundidee des Buches ist rasch erklärt: Wie kommen wir weg von den wohlfeilen literarischen Gipfelwanderungen, wenn es darum geht, geschichtskulturelle Analysen anhand medialer Produkte zu versuchen. Der Gedanke, der dahinter steht, ist immer der: Wenn wir die Produkte (TV-Sendungen, Podcasts, Ausstellungen, Denkmäler etc.) verstehen, verstehen wir auch etwas von der Gesellschaft, die sie hervorgebracht hat, können die in ihr vorwaltenden historisch-politischen Vorstellungen und Orientierungen erkennbar gemacht werden. Diese Grundidee hat natürlich einen Haken:

Die unterstellte Repräsentativität geschichtskultureller Produkte ist oft nur eine leere Unterstellung – die dem Publikum gern plausibel erscheint, weil diese Unterstellung die kollektive eines akademischen Autoren-Leser-Kreises ist. Dies ist das forschungsmethodische Ausgangsproblem, das wir in diesem Projekt bearbeiten wollten.

Der Ansatz zur Lösung ist dieser:

a) Beschreibe die typischen Merkmale einer Grundgesamtheit, hier: der historischen Romane z.B. des Jahres 1913. Da es in der deutschen Nationalbibliographie keine Kategorie ‚historischer Roman‘ gibt, so hätte man die Auswahlentscheidung delegiert lassen können, mussten buchstäblich alle Romane des Jahres 1913 gesichtet und kategorisiert werden. Wie das geschah, welche Kriterien zum Anschlag kamen: Lesen Sie im Buch.

b) Alle als historische Romane qualifizierten Bücher mussten sodann inhaltlich und formal erfasst werden: Sujet, Autor_in, Verlag, Handlungszeitraum usw.

c) Diese Daten kann man auswerten und so etwas wie ein typische Merkmalsausprägung für z.B. das Jahr 1913 formulieren. Nun kann man unter den Romanen des Jahres 2013, die diesen Merkmalen ideal entsprechen, diejenigen herausfiltern, die (nach Anhaltspunkten) die grösste Verbreitung gefunden haben: Idealtypen geschichtskultureller Literaturprodukte 1913 – unabhängig vom subjektiven Geschmack der Projektdurchführenden.

d) Diese Operationen wurden in diesem Projekt auch für die Jahre 1918, 1923, 1928 und 1933 durchgeführt, jeweils wesentliche Jahre der deutschen Geschichte. Die Datensätze liessen sich vergleichen, Tendenzen plausibel machen, die dann vorsichtig mit den historischen Situationen der Entstehungszeit und Erscheinungszeit kontextualisiert werden konnten.

e) Vertieft wurden diese quantitativen Analysen mit eingehenden literaturwissenschaftlichen Textanalysen der ausgewählten Bücher: Motive, Rhetoriken, Darstellungsstrukturen, Sujets, Stereotype.

Die Ergebnisse dieses Buches wurden von den Gutachtern und der Promotionskommission angeregt diskutiert. Möge dies auch bei den ab jetzt Lesenden der Fall sein.

Stefanie von Rüden hat an diesem Buch lange gearbeitet. Ich finde es bewundernswert, wie sie dieses ehrgeizige Projekt als reines Freizeitunternehmen neben einem wirklich anstrengenden Berufsalltag erst lange an einer Hauptschule, dann später an einer Gemeinschaftsschule  bewältig hat. Die Ferien wurden zu einem guten Teil in der Leipziger Deutschen Bücherei verbracht, Kolloquien, Workshops wurden aktiv besucht, schliesslich sogar ein Sabbatjahr für die Niederschrift eingesetzt. Ich bin nicht wenig stolz auf diese Frau Doktor. Kennengelernt habe ich Stefanie als herausragende Studentin in meiner Zeit als Vertretungsprofessor an der Universität Siegen im WS 06/07. Der erste Eindruck hat mich nicht getäuscht.


Infobox


 

(c) Marko Demantowsky: „Die Geschichtsbilder historischer Romane“ von Stefanie von Rüden. In: Forum Didaktik der Gesellschaftswissenschaften in der Nordwestschweiz, 16. Januar 2018, URL: http://www.gesellschaftswissenschaften-phfhnw.ch/die-geschichtsbilder-historischer-romane-von-stefanie-von-rueden/ (abgerufen am 27. April 2018).

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