Die kommunikative Kultur wissenschaftlicher Rezensionen, am Bsp. der Kulturwissenschaften

[tl;dr] Sind Rezensionsrezensionen durch Autor_innen statthaft? Darf man (wissenschaftsethisch) die kritischen Besprechungen eigener Schriften kritisieren? Unbedingt!, meine ich inzwischen, nachdem ich diesen Blog nutzte, um mit mir selber ins Reine zu kommen.

Daniel-Pascal Zorn ist Co-Autor des verdientermassen vielbeachteten Buches „Mit Rechten reden„. Auf Facebook setzt er sich aktiv, kritisch und meist ausführlich mit jeder Rezension auseinander, die andernorts zu diesem Buch erscheint. Thomas Sandkühler hat diese Auseinandersetzung kürzlich – anlässlich einer Spiegel-Annotation – kritisch hinterfragt. Hier ist der Facebook-Thread. Mich hat dieser Austausch der beiden geschätzten Kollegen zu grundsätzlicheren Zweifeln gebracht, insofern ich beide gegensätzlichen Positionen gut nachvollziehen konnte. Anscheinende, unverstandene Inkommensurabilität lässt sich jedoch meist historisch resp. kontextbezogen auflösen, sie fordert sogar dazu heraus, mich zumindest. Das möchte ich hier kurz durchspielen.

In der Tat habe ich in den vergangenen Wochen beim Lesen vieler kritischer Resensionsrezensionen Sandkühlers ausgesprochenes Unbehagen geteilt (ist Zorn ein schlechter Verlierer?), gleichzeitig war mir aber merkwürdigerweise jeweils spontan evident, dass Daniel-Pascal Zorn das mit seinen zugespitzten Rezensionsrezensionen irgendwie doch richtig macht. Diese Zerrissenheit finde ich in der Selbstprüfung über den konkreten Bezug hinaus und vielleicht auch für andere interessant.

Faktisch bin auch ich akademisch in der Weise sozialisiert worden, dass miserable (=schlecht gemachte) Rezensionen lediglich „mannhaft“ zu ertragen seien, öffentlich aber KEINESFALLS kommentiert werden sollten und höchstens bei nächster Gelegenheit z.B. eines Gutachtens in barer Münze zurückzuzahlen seien (was akademische Sippenhaft durchaus einschloss, wovon ich ein traurig Lied singen kann). Das klingt vielleicht gruselig, aber daraus ergab sich immerhin kollektiv ein akademisches Gleichgewicht des Schreckens und dadurch auch eine Art von mürrischer Zivilisierung der akademischen Produktdiskussion. Eine praktizierte, selten reflektierte „goldene Regel“ auf Sandkastenniveau, wenn man so will.

Seit der schrittweisen Digitalisierung der kultur- und speziell der geschichtswissenschaftlichen Diskussion scheint mir dieses offen-heimliche disziplinäre ethische System allerdings ins Wanken geraten, wenn auch in der Praxis noch nicht aufgehoben. Eine dieser üblichen Ungleichzeitigkeiten, mag man meinen, die Empfindungen kultureller Zerrissenheiten wie die obige erst zu Tage bringt.

(Selbstverständlich ist in guten Studien zur Wissenschaftsgeschichte dieses soziale Rezensions-/Macht-System schon verschiedentlich adressiert worden. Bestenfalls mit einer Dimension aktueller disziplinärer Selbstkritik. Das hat aber niemals etwas an diesen Verhältnissen geändert, ganz im Gegenteil ist die Rezeption solcher Studien selbst unter den gleichen Auspizien vollzogen worden.)

In Ruhe und damit: recht betrachtet, ist Zorn ja völlig zuzustimmen: „Übrigens vertrete ich auch sonst die Auffassung, dass Rezeptionen kein Schicksal sind und man unsinnige Behauptungen über das eigene Buch nicht hinzunehmen hat. Das mag daran liegen, dass ich … auch Rezensionen – außer sie sind explizit subjektiv formuliert – als Behauptungen über einen Gegenstand auffasse.“

Was auch sonst?, möchte man ernüchtert fragen. Warum sollte unter dem Stern der vielbeschworenen und oft gründlich durchsimplifizierten Popper’schen Wissenschaftsethik ausgerechnet Rezensionen von kontroverser Diskussion, Prüfung der Triftigkeiten, Aufweis falscher Tatsachenbehauptungen – kurz der kritischen wissenschaftlichen Debatte und hypothesengeleiteten Prüfung ausgenommen sein? Warum sollten sich Autor_innen daran nicht beteiligen dürfen? Der empirische Gegenstand der Diskussion – der Text – liegt jedem Interessierten vor, daran kann sich jede Interpretation intersubjektiv verhandelnd messen lassen. Darüber hinaus tritt mit jeder Publikation ein Effekt der plötzlichen Entfremdung zwischen Autor_in und seinem/ihrem Produkt ein, der bei jedem gewissenhaft Denkenden und sofort Selbstkritik auslöst. Das macht den/die gewissenhaften ursprünglichen Autor_in im Handumdrehen zu einem Element der untersubjektiven Aushandlung über das in Rede stehende Textobjekt.

Die Frage ist: Woher noch immer die Stärke des Tabus? Die neuen digitalen Rezensionsformate bieten eigentlich alle Möglichkeiten, auch die wissenschaftliche Praxis der Rezensionskultur zu verändern. Kommunikativität, Echtzeitigkeit, persönliche Adressierbarkeit und eine gleichsam elementare Vorzimmerfreiheit sind nur vier der neuen Qualitäten, die die Wissenschaftskultur unter den (viel zu wenigen) Teilnehmenden in Blogs, auf Twitter und auf Facebook schon längst geändert haben. Dass diese Änderung bisher also nur ansatzweise erfolgt ist – wie meine eigene normative Zerrissenheit gegenüber den Zorn’schen systematischen Rezensionsrezensionen fallweise zeigen mag – hat sicher etwas damit zu tun, dass sich Mentalitäten, Bewertungsschemata und intuitive kulturelle Praktiken stets viel langsamer verändern als es neue technische Möglichkeiten oder veränderte (bildungs- oder hochschul-)politische Rahmenbedingungen tun. Wir bleiben affirmativ oder adversativ immer Zöglinge einer bestimmten akademischen Kinderstube.

Ich vermute jedoch ergänzend, dass die Langsamkeit dieser Veränderung auch etwas mit dem Charakter der vorhandenen wissenschaftlichen digitalen Angebote zu tun hat (die natürlich auch wieder Geschöpfe von meinesgleichen sind).

1) Auf H-Soz-u-Kult, dem inzwischen schon klassischen und ausserordentlich verdienstvollen Angebot digitaler Rezensionskultur, können Autor_innen gegen Rezensionen nur via Post an die Redaktion zwar replizieren – wie weiland bei allen gedruckten allen Journalen – was natürlich der technischen Herkunft aus einer Mailing-List geschuldet ist. Solche Repliken erscheinen dann digital als eigenständiger Beitrag, wenn auch selten. In der Regel gilt das dann bei vielen noch immer als degoutant und schadet im Sinne des Streisand-Effektes eher den Replikanten. Auch die Social-Media-Accounts von HSozKult (Twitter, Facebook) sind Vertriebs- und keine Kommunikationskanäle oder gar Plattformen der Auseinandersetzung. Aktiv motiviert wird zum Replizieren und kommentieren nicht. Die Rezensionen könnten alles in allem ebenso gut papiergedruckt erscheinen.

2) Auf der Plattform Sehepunkte gibt es ein vorprogrammiertes Kommentarfeature. Ich kann keine Auskunft darüber geben, wie oft es genutzt wird. Subjektiv würde ich es ebenso einschätzen wie bei H-Soz-u-Kult. Auf der Homepage gibt es keinen Menüpunkt für diese Kommentare, keine Übersicht, keine Würdigung, und es wird ebenso auch keine Kommentarpolitik betrieben und damit auch keine kontroverse Kommentarkultur entwickelt. Schade darum!

3) Auf Recensio.net ist es anders: Hier stand die Kommentierbarkeit von Anfang an im Zentrum der Produktentwicklung. Nach meiner Beobachtung ist dieses Angebot von der Community allerdings nicht intensiv aufgegriffen worden, was bedauerlich ist. Und das ist so, obwohl sich die Verantwortlichen zumindest anfangs intensiv um Öffentlichkeit und Debatte bemüht haben. Man braucht wohl einen sehr langen Atem, sehr viel Investition, eine intensive Social-Media-Arbeit, vielleicht auch gute Begleitforschung um an diesen kulturellen Geleisen etwas spürbar und erlebbar zu ändern.

Nachtrag:

Die durch den digitalen Wandel und die Gründung einer Reihe neuer Zeitschriften in den vergangenen 20 Jahren deutlich ausgeweitete Nachfrage nach Rezensionen (1) und die zunehmende Ökonomisierung der Leistungseinschätzung von Profesor_innen via Evaluationen, Wettbewerbe, Rankings, bei denen aufwändige Rezensionen (deep reading!) als nicht abrechenbar gelten (2), schliesslich das enorm ausgeweitete Peer Reviewing für Zeitschriften, Sammelbände, Tagungseinreichungen (ebenfalls nicht abrechenbar) (3) führen nach meiner Beobachtung dazu, dass Rezensionen mehr und mehr an jüngere Mitarbeitende als akademische Fingerübung weitergegeben werden. Viele dieser Rezensionen von jüngeren Mitarbeitenden zeichnen sich ohne Zweifel durch hohen persönlichen Einsatz und Fleiss aus. Was für eine gute Rezension aber in der Regel fehlen muss, ist der Überblick über die Forschungslandschaft und ihre Geschichte, oft auch ein abgewogenes und gleichwohl klares Urteil. Insofern sind Rezensionen recht besehen als Gattung also denkbar ungeeignet für akademische Fingerübungen, sie stellen vielmehr ein zunehmend vernachlässigtes Meister_innen-Stück wissenschaftlicher Prosa dar.

Daraus folgt zweierlei: Zeitschriften und wissenschaftliche Plattformen müssen hohe Ansprüche an die wissenschaftliche Qualifikation ihrer Rezensent_innen stellen und: Im Zeitalter der Ökonomisierung der Leistungseinschätzung von Professor_innen müssen Rezensionen zu einer anerkannten und parametrisierten Kategorie werden.

Und wie sollten dann die akademischen Fingerüberungen für jüngere Mitarbeitende aussehen, wenn es Rezensionen nicht unbedingt sein sollen?, mag man fragen. Ganz einfach, eigentlich, begleitet Dissertationsprojekte durch wissenschaftliche Blogs, beteiligt Euch an den Diskussionen bei Public History Weekly oder auf Hypotheses!

(c) Marko Demantowsky: Die kommunikative Kultur wissenschaftlicher Rezensionen, am Bsp. der Kulturwissenschaften. In: Forum Didaktik der Gesellschaftswissenschaften in der Nordwestschweiz, 5. Oktober 2017, URL: http://www.gesellschaftswissenschaften-phfhnw.ch/die-kommunikative-kultur-wissenschaftlicher-rezensionen-am-bsp-der-kulturwissenschaften/ (abgerufen am 21. November 2017).

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Ein Kommentar zu Die kommunikative Kultur wissenschaftlicher Rezensionen, am Bsp. der Kulturwissenschaften

  1. Thomas Sandkühler sagt:

    Auch ich bin schon unfair besprochen und behandelt worden. Das ist aber gewissermaßen das Berufsrisiko von Intellektuellen. Wir sehen im Netz einen Wildwuchs von wechselseitigen Unterstellungen, die nicht selten auf Skandalisierung und Emotionalisierung aus sind. Gegen ein solches Vorgehen kommt man mit rationalen Argumenten im Allgemeinen nicht an, wertet aber die kritisierte Kritik auf. Früher war es gute Übung von angegriffenen Autoren, sich mit eigenen Stellungnahmen zur Wehr zu setzen, also auf Kritik Antikritik folgen zu lassen etc. Daraus ergaben sich nicht selten anregende, wissenschaftlich ergiebige Polemiken. Wo sind sie heute geblieben? Es wird nicht mehr polemisiert, sondern Feinde werden identifiziert und beschossen, oftmals auch in einer martialischen Sprache, die in der Wissenschaft nach meinem Dafürhalten gar nichts zu suchen hat, aber bestimmten Konventionen des Mediums Internet zu folgen scheint. Die Ruhe des vernünftigen Arguments ist unschätzbar und geht im Moment verloren. Hinzu kommt, dass in den großen Printmedien nur noch selten Rezensionen gedruckt werden. Um einen größeren Leserkreis zu erreichen, ist man fast darauf angewiesen, in den sozialen Medien Selbstbewerbung zu betreiben.

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