Einladung zum Basler Kolloquium zur Didaktik der historischen und politischen Bildung

Geschlecht (gender) als wirksame Differenzkategorie beim historischen und politischen Lernen 

Geschlecht bzw. gender als wirksame Differenzkategorie hat sich nicht nur in der fachhistorischen Forschung sondern auch in der Geschichtsdidaktik einen festen Platz erarbeitet. Letztere empfiehlt einen subjektorientierten und diversitätssensiblen Umgang mit Geschlecht und Geschlechtergeschichte – allenfalls auch in der Intersektionalität mit weiteren Kategorien wie Klasse, Ethnie, Migration, Alter oder Religion, die allesamt identitätsbildende Wirksamkeit entfalten. Obschon Gender als soziale Differenzkategorie seit den 80-er Jahren einen viel beachteten Platz in der geschichtsdidaktischen Theoriebildung erfährt, bleibt ein ambivalentes Bild zurück. Noch immer erscheint der curriculare Mainstream als eine «his-story» (Lücke, 2015), die sich ihrer männlichen Dominanz wenig bewusst ist. Es stellt sich somit die Frage nach dem Stand des anspruchsvollen Vorhabens, (fach-)wissenschaftliche Erkenntnisse in Bildungspro-zesse einfliessen zu lassen. 

Geschlechtergeschichte versteht die Beziehungen zwischen den Geschlechtern als gegenseitige Interdependenz, die durch gesellschaftliche Traditionen, Rollenzuweisungen und darin angelegte Machtbeziehungen geprägt ist. Männer und Frauen waren und sind in gesamtgesellschaftliche Strukturen, Gewaltzusammenhänge sowie Entscheidungs- und Arbeitsteilungsprozesse eingebunden. Das Erkennen des jeweiligen Konstruktcharakters von Männlichkeit und Weiblichkeit, wie auch die Einschätzung von deren Kontinuität und Wandelbarkeit gehört zu einer Bewusstwerdung und stellt für Heranwachsende die Voraussetzung für selbstgewählte Entscheidungen dar. Geschichts- und Politikunterricht kann Lernende für an das Geschlecht gebundene Konventionen und Rituale aufmerksam machen, für an das Geschlecht gebundene Vorrechte und Benachteiligungen im zeitlichen Wandel sensibilisieren, auf gesellschaftliche Positionen in der Intersektionalität mit weiteren Kategorien aufmerksam machen, oder schlicht einen Erklärungszusammenhang liefern, weshalb Individuen auch heute noch zu Gender-Fragen Stellung nehmen müssen. Dabei geht es in historischen und politischen Lernprozessen nicht um richtig oder falsch oder die Bearbeitung von Einstellungen; vielmehr geht es um die Schu-lung von Urteilsvermögen und den Aufbau von Gender-Kompetenz. Letztere impliziert, wie auch das Lernen in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern insgesamt, Wissen um die Kategorie Geschlecht, die selbst durch keine andere substituiert werden kann, und Wissen um die Gender-Frage. Hinzu kommt die Bereitschaft und Fähigkeit zum Handeln, das grundsätzlich auf Gleichstellung hin ausgelegt ist (Gender-Mainstreaming). 

Das geplante Ringseminar im Jahr des 50-jährigen Jubiläums des Frauenstimmrechts in der Schweiz will einerseits Bilanz ziehen zu bereits Erreichtem und anderseits Raum bieten für den Entwurf innovativer Herangehensweisen zur Kategorie Geschlecht im historischen und politi-schen Unterricht vor dem Horizont des aktuellen Diskurses um diversitätssensible Bildung. Öffentliche Inputreferate von Expert*innen der Geschichts- und Politikwissenschaft und der Fach-didaktik der historischen und politischen Bildung wechseln sich mit Seminarveranstaltungen für eingeschriebene Studierende ab. 

Programm öffentliche Vorlesungen 

jeweils Montag, 18.15 Uhr bis 19.45 unter dem folgenden ZOOM-Link: 

https://unibas.zoom.us/j/99347738992?pwd=d3o0UXFXc3FFWDZZSHEwTXZCSGxmZz09
12.4  Björn Klein (Historiker, PH FHNW):

Fractured identities – Geschlechtergeschichte(n) in New York um 1900 

19.4  Martin Lücke (Geschichtsdidaktiker, Berlin):

Queer history in der Geschichtsdidaktik 

10.5  Elisabeth Joris (Historikerin, Bern):

Die Einführung des Frauenstimmrechts 1971 im Lichte der neu entstehenden Frauen- und Geschlechtergeschichte: Sachverhalte und Kontroversen 

17.5  Kerstin Wolff (Historikerin, Kassel):

Die Entwicklung der Frauen- und Geschlechterge-schichte in Deutschland und die Rolle der Frauenarchive und –bibliotheken 

Wir freuen uns über euer Interesse und zahlreiches Erscheinen. 

Marko Demantowsky & Monika Waldis 

Kontakt:
Prof. Dr. Monika Waldis
Leiterin Zentrum Politische Bildung und Geschichtsdidaktik
PH FHNW
Zentrum für Demokratie Aarau
monika.waldis[at]fhnw.ch

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