13-18 PhD / Teacher Beliefs im Berufsverlauf

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Dissertationsprojekt: Fach- und Selbstkonzepte von Geschichtslehrkräften (an Gymnasien in NRW) vom Berufseinstieg bis zur Pensionierung – Ein Beitrag zur geschichtsdidaktischen Lehrerberufs-Forschung (Verfahren an der Ruhr-Universität Bochum)

 

DoktorandDirk Urbach

Betreuer: Prof. Dr. Marko Demantowsky
Mitglieder des Promotionskomitees: Prof. Dr. Constantin Goschler / Prof. Dr. Marko Demantowsky / Prof. Dr. Christian Reintjes

 

Projektzeitraum (gesamt): März 2012 – 2018

Projektabschluss: September 2018

 

KurzbeschriebBeobachtet man Geschichtsunterricht in der Schule, da  wird bald auffallen, dass der Unterricht einer jeden Geschichtslehrkraft auf eine andere Weise verläuft. Selbst bei vergleichbaren Rahmenbedingungen (z.B. Schule, Klasse, Themen, Lehrmittel, Ausbildung etc.) wird jede Lehrkraft einen ihr eigenen Stil auf Basis ihrer eigenen Konzepte finden, den Geschichtsunterricht und damit das historische Lernen der Schülerinnen und Schüler zu organisieren. Ausgehend von der These, dass (Geschichts-)Lehrkräfte im Laufe ihres Professionalisierungsprozesses eine fachspezifische Identität ausbilden, die dem Unterricht eine individuelle Prägung und Textur gibt und erheblichen Einfluss auf das Geschichtsverständnis und -bilder der Schülerinnen und Schüler hat, ist es beinahe selbstverständlich die einzelne Geschichtslehrkraft und deren Professionalisierung in den Fokus der Forschung zu rücken.

 

Ebendies macht sich dieses Projektes zur Aufgabe mit dem Ziel, einen systematischen Ein- und Überblick über die Fach- und Selbstkonzepte (fachspezifische Identität) von Geschichtslehrkräften verschiedener Berufsphasen zu gewinnen, die tiefer liegenden Überzeugungen (Reusser et al. 2011) „sichtbar zu machen“ und zu untersuchen. Die zentralen Fragen lassen sich demnach folgendermaßen formulieren:

Welche Überzeugungen haben Lehrkräfte hinsichtlich der Vermittlung von Geschichte und ihrer eigenen Rolle in diesem Prozess? Welche Ziele und Unterrichtsstile bevorzugen Sie aus welchem Grunde? Welche geschichtstheoretischen und –didaktischen Überzeugungen leiten die Lehrkräfte bei der Organisation ihres Unterrichts? Welche Einflüsse haben berufliche wie auch familiäre Sozialisation auf den Professionalisierungsprozess? Und wie reflektieren und verarbeiten die Lehrkräfte ihre gemachten Erfahrungen und ihr alltägliches berufliches Handeln?

Neben der intensiven Professionalisierungsforschung in den Bildungswissenschaften in den letzten drei Jahrzenten ist die Frage nach den Lehrkräften seit den 2000er Jahren auch stärker in den geschichtsdidaktischen Fokus gerückt. Nach mehreren explorativen Vorstößen in Form vereinzelter Aufsätze und Tagungsbeiträge setzte in den letzten Jahren dann eine breitere und systematischere Erforschung ein, die in einer Reihe von Monographien mündete (vgl. Daumüller 2014, Kanert 2014, Schröer 2015). Dennoch mangelt es bisher an einem längsschnittig ausgerichteten Blick auf die Geschichtslehrerschaft, der Thesen und Aussagen über verschiedene Generationen oder mögliche Geschlechterspezifik zulässt. An dieser Stelle soll das Projekt ansetzen und auf der Grundlage von Lehrerinterviews Einblicke und Antworten liefern.

Da die zu untersuchenden Überzeugungen (Teacher Beliefs) weniger normativer als subjektiver, teils auch impliziter, unbewusster Natur sind, ist ein methodisches Vorgehen erforderlich, welches es ermöglicht, die Überzeugungen sicht- und verbalisierbar zu machen. Hierzu bieten sich offene qualitative Verfahren stärker an als quantitative Ansätze. So hat dieses Projekt einen qualitativen Zuschnitt und verwendet als zentrales Instrument das (biografieorientierte) Experteninterview.

Untersucht werden 24 Geschichtslehrkräfte in NRW. Als Schultyp wurde das Gymnasium gewählt, da die Gymnasien im Vergleich der weiterführenden Schulen die größten Schüler- und Lehrerzahlen aufweisen (Tendenz steigend) und ihnen damit eine entsprechende Relevanz zukommt. Vor allem aber folgt der Ansatz der Hypothese, dass sich gerade an Gymnasien ein besonderer fachspezifischer Habitus gebildet hat, der z.B. an Gesamtschulen allein aus dem Grunde anderer Gestalt ist, da der Geschichtsunterricht dort in der Sekundarstufe I in dem Fach Gesellschaftslehre aufgeht, das andersartige Fachkonzepte und Problematiken impliziert.

Um einen Einblick in die verschiedenen Berufsphasen zu liefern, ist die Untersuchung querschnittig angelegt und gliedert in Fünfjahresschritte (5, 10, 15, 20, 25, 30 Berufsjahre).  Pro Phase werden je 4 (wenn möglich: 2 männliche/2 weibliche) Lehrkräfte befragt.

Das Experteninterview besteht aus einer narrativen Einstiegssequenz zur (Berufs-)Biografie sowie einem Leitfaden zu Fach- und Selbstkonzepten, wobei beide Sequenzen ihrem Wesen entsprechend unterschiedlichen Auswertungsverfahren folgen. Dabei muss die biografische Erzählung als retrospektives Konstrukt, „Erfahrungsaufschichtung“ verstanden werden, bei der „die Erfahrungen des Biographieträgers mit den Ereignissen und ihre interpretative Verarbeitung in Deutungsmustern […] zur eingehenden Darstellung [gelangen]“ (Schütze 1983). Die Analyse zielt darauf ab, das „Typische im Individuellen“ (Bude 1984) zu entschlüsseln, um somit über den Einzelfall reichende Typen bilden zu können.

Die Auswertung der Leitfadensequenz folgt schließlich der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring, wobei aus den kategorisierten Interviewsequenzen die Überzeugungen herausgearbeitet, zu Systemen aggregiert und gewichtet werden, so dass Aussagen zu den Fach- und Selbstkonzepten gewonnen werden können, welche zu den Ergebnissen der biografischen  Analyse in Beziehung gesetzt werden. Der Kontrastierung der verschiedenen Einzelfälle wiederum folgt der Entwurf einer biografiegestützten Geschichtslehrertypologie.

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes können am Ende interessante Einblicke in die bisher wenig beforschte Berufsphase liefern und somit Impulse für die Geschichtslehreraus- und -fortbildung liefern.

 

F&E-Kontext aus Professur:

  • Demantowsky, Marko: Ein fachdidaktischer Forschungsverbund „Grundlagen fachbezogenen Lernens“. Idee – Struktur – Integration. In: Zeitschrift für Didaktik der Philosophie und Ethik, Heft 4/2010, Hannover 2010, S. 313-315.
  • Popp, Susanne/Sauer, Michael/Alavi, Bettina/Demantowsky, Marko/Kenkmann, Alfons (Hrsg.): Zur Professionalisierung von Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrern – nationale und internationale Perspektiven (Beihefte zur Zeitschrift für Geschichtsdidaktik, Bd. 9). Göttingen 2013.
  • Demantowsky, Marko/Waldis, Monika: John Hatties „Visible Learning“ und die Geschichtsdidaktik. Grenzen und Perspektiven. In: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 13, S. 100-116. Göttingen 2014.
  • Sauer, Michael/Bühl-Gramer, Charlotte/John, Anke/Demantowsky, Marko/Kenkmann, Alfons (Hrsg.): Geschichtslernen in biographischer Perspektive. Nachhaltigkeit – Entwicklung – Generationendifferenz (Beihefte zur Zeitschrift für Geschichtsdidaktik, Bd. 9). Göttingen 2015.