Tell heute. Zur gesellschaftspolitischen Verantwortung aller Lehrpersonen

Tell heute, Ansprache, anlässlich der Diplomverleihung, 15. September 2016, Campus Brugg-Windisch. Es gilt das gesprochene Wort.

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Wegweiser, (c) Andreas Hermsdorf / pixelio.de

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Mythos Tell?

Was ist dieser Wilhelm Tell doch für eine bewundernswerte Figur: Voller Mut, Selbstlosigkeit, Gerechtigkeitssinn, Stärke und Unabhängigkeit. Ein Vorbild über alle Grenzen und Zeiten hinweg; Friedrich Schillers Darstellung wurde bekanntlich ein Stück Weltliteratur. Tell war einmal ein Symbol aller freiheitlichen und autonomen Menschen in ganz Europa, gleichzeitig trägt die Figur alle Kennzeichen eines Ur-Schweizer

Alpenbewohners, der seinen Charakter auch seiner natürlichen Heimat verdanken darf. Mit solchen Menschen liess sich eine unabhängige starke Staatsnation machen, und mit Tell wurde eine solche Staatsnation gemacht, wenn auch erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Die in Differenz und Eigensinn vereinten stolzen Schweizer, etwas später auch Schweizerinnen. Wilhelm Tell ist mindestens ein allgemeines politisches Leitbild, und als solches geht es ganz grundsätzlich jede Schweizer Lehrperson an. Politische Bildung ist deshalb in der Schweiz richtigerweise nie ein eigenes, isoliertes Schulfach gewesen, es ist in unterschiedlicher Weise eine kontinuierliche Sache jede Lehrperson.

Die vielfach verflochtenen und unterschiedlichen historischen Informationen und Urteile, die wir über diesen Wilhelm Tell haben, reichen – Stand heute – bis in die Jahre 1470-72, als der Obwaldner Landschreiber mit dem sehr sprechenden Namen Hans Schriber ein sogenanntes Kopialbuch für seine Kanzlei gefertigt hat. In diesen Kopialbüchern wurden, um die Rechtssicherheit zu gewährleisten, Abschriften der wichtigsten

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Urkunden einer Gemeinde abgelegt, manchmal aber auch Angaben über die historischen Begleitumstände dieser Rechtsakte. Schribers Kopialbuch enthält Kopien der wichtigsten eidgenössischen Bundesurkunden seit 1315, seiner Arbeit verdanken wir auch eine erste Zusammenfassung der eidgenössischen Gründungsberichte, der Rütlischwur und die Figur Wilhelm Tells werden hier erstmals erwähnt.

Da hierzulande in den vergangenen 250 Jahren in den Archiven kaum etwas intensiver gesucht wurde als Informationen über diesen bewundernswerten Wilhelm Tell, ist es als unwahrscheinlich zu erachten, dass da bisher in der Überlieferung der Archive etwas Entscheidendes übersehen worden ist, aber – wer weiss? Mit der Entdeckung des sogenannten Weissen Buches von Schriber bei Arbeiten im alten Turm von Sarnen im Jahre 1854 durch Gerold Meyer konnte man zuvor ja auch nicht rechnen.

Um diese Erkenntnis zuzuspitzen: Ähnlich gewiss und ungewiss wie unsere Zukunft ist unsere Vergangenheit. Für Aussagen über beide noch-nicht oder nicht-mehr erlebbaren Dimensionen unseres Zeithorizontes stützen wir uns auf eine manchmal sehr grosse, immer aber auch eine begrenzte Zahl von Informationen, auf persönliche und kollektive Erfahrungen, auf gegenwärtige Interessen, auf Analogien und Abwägungen.

Jeder Mensch tut das auch in seinem Alltag, egal ob er seinen nächsten Familienurlaub oder eine Investition plant oder seinen Kindeskindern von der Kindheit seiner Urgrossmutter erzählt. Sozial- und GeisteswissenschaftlerInnen unterscheiden sich in ihrer beruflichen Praxis von diesem alltäglichen Gebrauch allerdings dadurch, dass sie nach überprüfbaren Begründungen streben.

Es gibt jedoch ein Feld unseres Alltags, wo man es regelmässig und gewiss mit wissenschaftlichen Qualitätsansprüchen zu tun bekommt, und das ist, ob man es will oder nicht, die Schule mit ihrem staatlich gewährleisteten Fachunterricht. Die Lehrpersonen sind die grossen BrückenbauerInnen zwischen begründetem, also wissenschaftlichem Wissen

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Blick ins Auditorium, (c) Denise Brugger

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und Urteilen und der Alltagswelt. Das gilt auch in Sachen politischer Verantwortung und in Sachen Wilhelm Tell.

Ihnen, liebe neue Lehrpersonen, die Sie heute Ihr wohlverdientes Diplom erhalten, gehört die Zukunft. Und ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie alle Ihr berufliches Glück und Auskommen an einer funktionierenden Schule finden werden. Aber es gehört Ihnen nicht nur Ihre berufliche Zukunft, die vielleicht von heute an noch 30 oder 40 Jahre dauern mag. Zu einem gewissen Teil, dessen Grösse allerdings keiner unterschätzen sollte, wird Ihnen auch die Zukunft Ihrer Schülerinnen und Schüler gehören, denen Sie massgebliche, lang wirksame, starke Impulse für deren künftige Biographien geben können oder eben nicht. Wenn Sie also einmal rechnen und daran denken, dass Sie auch noch in Ihrem 40. Berufsjahr Heranwachsende bilden werden, die ihrerseits dann vielleicht noch weitere 70 oder 80 Jahre diese Gesellschaft prägen, dann reden wir hier und jetzt über einen Zukunftshorizont von 120 Jahren, unsere Gedanken reichen gerade bis ins Jahr 2136. Denken Sie nur an Ihre eigenen SchülerInnenerfahrungen mit Lehrpersonen. Bedenken Sie weiterhin: Diese Ihre dann ehemaligen ehemaligen SchülerInnen werden selber Eltern, Grosseltern, ErzieherInnen, Vorgesetzte, Lehrpersonen, dann sehen sehen Sie evident, was kultureller Brückenbau ist: Ein Geflecht wirklich sehr weitreichender Einflüsse und Prägungen.

Ihr zukünftiger Unterricht wird nicht 45 oder 60 Minuten dauern, sondern eigentlich Jahrzehnte, weit über Ihre eigene Lebensspanne hinaus, positiv oder negativ, je nachdem Sie diese Chance nutzen oder liegenlassen. So oder so, die Gesellschaft und der Staat legen Ihnen als Lehrpersonen einen Teil der Verantwortung über die Zukunft des Schweizer Gemeinwesens und seiner BürgerInnen in die Hände.

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Weil das nun so ist, möchte ich mich nun im zweiten Teil mit dieser Zukunft befassen, die sie die Chance haben, auf eine bedeutsame Weise mit zu prägen. Eigentlich sollte deshalb jede angehende Lehrperson, egal welchen Fachs, in ihrer Ausbildung das Fach Zukunft belegen müssen. Wir unterrichten, wie eben schon die Römer wussten, auf deren alter Siedlung wir hier in Windisch/Vindobona heute Abend stehen, nicht nur für die Gegenwart, sondern vor allem für die Zukunft. Welche Zukunft wird das aber sein? Wie zeigt sich Ihre politische Verantwortung? Und was hat das mit Tell zu tun?

Die heutige Lage und die wahrscheinliche Zukunft

Noch hat bisher jede Generation gedacht, dass sich schon nicht so viel ändern würde. In der Schweiz mögen die Dinge auch stabiler geblieben sein als in ihren Nachbarländern, dennoch: Seit der französischen Revolution, insbesondere seit ihrem gewaltsamen Ausgreifen über die Grenzen Frankreichs ab 1792, ist zuerst in Mittel- und Westeuropa, dann in Süd- und Osteuropa kaum ein kultureller Stein von Generation zu Generation auf dem anderen geblieben. Der Zeitzeuge der Kanonade von Valmy, Johann Wolfgang von Goethe, hatte das angeblich sofort in seiner Zukunftsrelevanz antizipiert (eigentlich erst 1822).

„Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“[mehr->]

Seit diesem Jahr ist alle 30 Jahre nur noch wenig so, wie es einmal war. Faszierenderweise beginnt genau in diesen Jahren auch die Geschichte der allgemeinen, staatlich gewährleisteten Schulbildung in Mittel- und Westeuropa. Es beginnt ein System, das auch Ihnen, liebe Absolventinnen und Absolventen, in den kommenden Jahrzehnten Auskommen und Lebenssinn geben soll.

Also, in dem Moment, in dem sich in unseren Breiten die gesellschaftliche und technische Transformation in bis dahin ungekannter Weise beschleunigt, die Zukunft ein für allemal ungewiss wurde, entsteht die Rolle des staatlichen besoldeten kulturellen Brückenbauers, der Lehrperson. Zukunftsdenken ist

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insofern in Ihren neuen Beruf regelrecht eingewoben, es ist seine conditio sine qua non.

Wer nun in die Zukunft blickt, dem geht es wie einem Meteorologen mit dem Wetter, mit jedem Tage weiter wird die Prognose unsicherer. Versuchen wir es also lieber wie die Klimatologen mit ihren Bohrkernen aus der Arktis, ihren Statistiken und Hochrechnungen. Sie prognostizieren Trends. Ich meine, so etwas lässt sich auch politisch versuchen, mit thematisch verschiedener Reichweite.

Gewalt und Glück

Sehr viele von uns glaubten, dass mit dem Ende des Kalten Krieges ein neueres, besseres Zeitalter angebrochen wäre. Inzwischen wissen wir es besser.

Keiner weiss, wie viele Menschen in Syrien noch grausam sterben müssen, bevor man einsieht, dass mit roher Gewalt, religiösem oder ethnischem Hass weder ein Staat noch überhaupt irgendeine Form stabiler Ordnung zu machen ist. Gleiche sinnlose Tode, gleiches sinnloses Leid muss wohl auch – und gerne vergessen – noch lange im Jemen, im Südsudan, in Libyen, im ukrainischen Grenzgebiet, im Kashmir, in Afghanistan, in Berg-Karabach, in Burundi und im Kongo geschehen, bevor die Akteure vor Erschöpfung oder Verzweiflung zu dieser banalen Vernunft kommen. Solche ungerechten und grausamen Gewaltkonflikte können aber 100 oder auch 30 Jahre dauern, die Unvernunft des Menschen ist schwer zu erschöpfen. Und dabei habe ich gerade nur die augenfälligsten der laufenden Konflikte genannt, strukturelle Gewalt und Ungerechtigkeit in unterschiedlichster Ausprägung ist auf unserer Welt fast überall anzutreffen. Friedliches Miteinander dagegen, positive Gewaltfreiheit, oder fruchtbare pluralistische Verständigung, echte Freundlichkeit sind kostbare

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Ausnahmesituationen: Es sind glückliche politische Orte. Sehnsuchtsorte der allermeisten Menschen, viele vermissen das. Es ist das soziale Elysium.

Marko Demantowsky

Marko Demantowsky, (c) Denise Brugger

Was hat das mit Ihnen als Lehrpersonen zu tun?

Für Sie kommt es realistischerweise vor allem darauf an, alles dafür zu tun, dass der direkte soziale Nahraum zu so einem besonderen politischen Ort wird. Das betrifft beruflich zu allererst den eigenen Klassenraum: Lernen die SchülerInnen, wie man den eigenen Nahraum zu so einem glücklichen Ort macht? Wie man ihn schützt und pflegt? Lernen sie, dass ein solcher Ort alles andere als selbstverständlich ist, auch wenn man solchen Orten in der Schweiz sicher häufiger begegnet als andernorts? Werden sie in ihren späteren Jahren dazu in der Lage und willens sein, diese politische Erfahrung des Gehörtwerdens und des Hören an ihre Familien, ihre Nachbarn und Kollegen gegen Widerstände weiterzugeben? SchülerInnen, die vor der betörenden Frucht politischen Glücks gekostet haben, werden sich in Zukunft schwer damit zu tun, sie leichthin zu verachten.

Und wie steht es um das Schulhaus und das Kollegium, die Fachgruppe, die Elternversammlung? In jeder dieser Situationen tut sich für Sie, liebe Absolventinnen und Absolventen, eine Aufgabe auf; und je nachdem wie diese Aufgaben gelöst werden, entsteht eine Kultur. Es sind zunächst die scheinbar kleinen Nahräume, in der alle Lehrpersonen vor ihre tägliche politische Verantwortung für Gewaltfreiheit, Pluralität, und Freundlichkeit im Beruf gestellt werden.

Ob Sie sich darüber hinaus einer politischen Partei oder Bewegung anschliessen, die solche Ziele in grösserem Massstab verfolgt, ist allein Ihre Sache als BürgerIn, und sollte es meiner Meinung nach auch bleiben. Wenn Sie sich parteipolitisch engagieren, tun Sie als Lehrperson gut daran, es gegenüber Ihren SchülerInnen einerseits transparent zu machen, andererseits Ihre Rolle als Wahrer der politischen Kultur in Ihrem beruflichen Nahraum nicht zu verlassen. Sie sind dort, zumal im Unterrichtsraum, nicht AkteurIn der Arena, sondern ihr wichtigste/r ErmöglicherIn.

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Kulturelle Differenz

Sehr viele von uns glaubten, dass mit dem Ende des Kalten Krieges ein Zeitalter einer friedlichen unipolaren Welt mit nur noch dem einen Hegemon der USA angebrochen wäre. Inzwischen wissen wir es besser. Eine multipolare Welt mit unterschiedlichen politischen Kulturen und Werten zeichnet sich immer stärker ab. China, Russland, vielleicht die EU, die USA und Indien werden, so darf man erwarten, in Zukunft die bedeutsamen Mächte dieser Welt sein.

Allein die Nationen Europas und mit Abstrichen die USA stehen dabei allerdings noch und einigermassen für ein System politischer Kultur, wie wir es hier aus guten Gründen schätzen gelernt haben. Wie werden wir, Sie und ich, damit in Zukunft umgehen?

Machen wir schwierige Kompromisse in den Wertvorstellungen, um offene Konflikte zu vermeiden? Was passiert, wenn diese Kompromisse nichts bewirken?

Ich habe darauf keine gute und abschliessende Antwort, da geht es mir ebenso wie unseren verantwortlichen AussenpolitikerInnen. Für Lehrpersonen ergibt sich beruflich aber eine alltägliche Verantwortung, die vor allem aus zwei Phänomenen herrührt. Zum einen führt die moderne Migration Menschen aus Kulturen zu uns, die in differenten Kulturen sozialisiert worden sind. Wenn wir unsere Vorstellung politischen Glücks auf Dauer schützen wollen, müssen wir diesen neuen NachbarInnen unsere Kultur plausibel und schmackhaft machen und notfalls auch bereit sein, die nötigen Toleranzgrenzen zu markieren. Zum anderen gerät der allgemeine Konsens guten pluralistischen, wohlmeinenden und nicht-aggressiven Umgangs zum gesellschaftlichen Interessensausgleich auch von innen unter Druck. In allen europäischen Ländern ist eine erhebliche, zunächst sprachliche Zuspitzung der Konflikte zu beobachten. Und auch dieses

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Phänomen hält Einzug in die Klassenzimmer. Lehrpersonen müssen darauf vorbereitet sein, um zumindest im politischen Nahraum alternative, bessere Formen der Auseinandersetzung dauerhaft erlebbar zu machen.

Migrationen

Aus- und Einwanderungsbewegungen sind nichts Neues, weder im jetzigen Umfang noch in den durch sie hervorgerufenen Konflikten zwischen Einheimischen und Fremden. Das heisst aber auch, wir können mir grösster Sicherheit davon ausgehen, dass Migrationserfahrungen auch in Zukunft unsere Welt und die unserer SchülerInnen prägen werden, ob als Angestammter oder als Ankommender.

Man kann, wenn man das annimmt, makropolitisch fragen, wie erfolgreich auf Dauer lediglich abwehrende Grenzmauern sein können. Für Sie als Lehrperson wird es darauf ankommen, in Ihren Klassenzimmern keine abwehrenden Mauern zu dulden, sondern zwischenmenschliche kulturelle Hindernisse übersteigbar zu machen, gleichsam wechselseitig Wandel durch Handel zu ermöglichen, ohne zu versuchen, reale bestehende Abgrenzungen gewaltsam niederreissen zu wollen. Wandel durch Annäherung war ein sehr erfolgreiches politisches Konzept vor ein paar Jahrzehnten. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass es auch für Ihren Verantwortungsbereich in langer Zukunft nützlich sein wird.

Religionen

Wer von uns hätte es vor 20 Jahren für möglich gehalten, dass Religionen heute wieder und mit zunehmender Macht politisch wirksam sind? Offenbar ist es so, dass die zunehmende Beschleunigung unserer Lebenswelt, vor allem durch die umfassende Digitalisierung, dass aber einfach auch der, wenn ich so sagen darf, Moloch der galoppierenden Moderne: die alle herkömmlichen Gewohnheiten verzehrende Effektivität und Nützlichkeitserwartung in sehr vielen Menschen auch in Europa ein Gefühl der inneren

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Heimatlosigkeit erzeugt und der mangelnden Identitätsgewissheit. Auch scheint es auf den unabweislichen Tod ausserhalb der Religion auch heute und in Zukunft keine tröstlichen Alternativen zu geben. Unter Religion verstehe ich hier allerdings nicht nur die expliziten Konfessionen, sondern auch alle Formen ersatzreligiöser Praktiken.

Weil die religiösen Bedürfnisse offenbar für die allermeisten Menschen einen unabweisbaren Charakter haben und auch in aller erwartbaren Zukunft behalten werden, werden Lehrpersonen gut daran tun, diesen Bedürfnissen und Ausdrucksformen Ihrer SchülerInnen gegenüber einen besonderen Respekt zu entwickeln. Vielleicht müssen viele von Ihnen wie auch ich einen solchen Respekt wieder neu lernen. Ich denke, Sie werden gut daran tun. Ich denke auch, dass erst ein solcher Respekt in Ihrem Klassenzimmer das politische Glück pluralistischer Verständigung, echten Interesses und Freundlichkeit ermöglicht.

Das Verschwinden wirtschaftlicher Gewissheit

Wird unser wirtschaftliches System, das durch seine ausgleichende Wohlstandsproduktion wesentlicher Garant unserer im besten Sinne bürgerlichen Ordnung ist, wird dieses System auch noch in 20 oder 30 Jahren existieren? Die schlechte Nachricht, die ich habe, ist: Wir können es nicht sagen, wir können uns keineswegs sicher sein. Das meine ich nicht in diesem belanglosen Sinn, dass man sich ja nie sicher sein kann, nein. Es ist die durch die grosse Finanzkrise ausgelöste Erschütterung der globalen Vertrauensbasis, die mich unsicher sein lässt. Angefangen hat das natürlich nicht im Jahr 2008, sondern mit der Aufhebung der staatlichen Reglementierung der Finanzwirtschaft seit den 1980er Jahren.

Schauen Sie sich das Papier in Ihrer Geldbörse an, warum können Sie noch darauf vertrauen, dass Sie es gegen reale Werte eintauschen können? Sie und ich vertrauen noch darauf,

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die Banken und Finanzfachleute tun es schon eine Weile nur mit Einschränkungen, weshalb keine Zinsen gezahlt, im Gegenteil sogar Gebühren verlangt werden. Wohin das führt, ist heute schlecht abzusehen. Was aber für Sie als Lehrpersonen daraus folgt, erscheint mir sehr klar. Ja mehr ökonomische Gewissheiten schwinden, je weniger wir auf eine Fortexistenz des Alten zählen können, desto mehr müssen wir in ökonomische Bildung der SchülerInnen und Lehrpersonen investieren, brauchen diese flexiblen Kompetenzen gepaart mit sehr solidem Basiswissen. Und, wie ich hinzufügen darf, desto mehr müssen Sie und ich uns selber mit der ökonomischen Entwicklung befassen, müssen wir alle versuchen, sie zu verstehen.

Digitaler Wandel

Ein Hauptmoment der menschlichen Zukunft wird ohne Zweifel der Digitale Wandel sein. Dass diese umfassende Digitalisierung alles immens beschleunigt, habe ich bereits gesagt. Die Lebenswelt meiner Kindheit in den 1970er Jahren ist überhaupt nicht mehr vergleichbar mit der Lebenswelt meiner eigenen Kinder heute. Das liegt natürlich nicht nur an der Digitalisierung, aber, wenn man einmal darüber nachdenkt, doch zu einem gehörigen Masse! Die Allverfügbarkeit aller Sozialkontakte im digitalen Raum, die Allverfügbarkeit aller kulturellen Erzeugnisse, aller Unterhaltungsangebote, aller möglichen Bedürfnisbefriedigungen ebendort, die Verlagerung des Konsums dorthin – all das führt und hat geführt zu einem extremen Rückgang an echten, aber kraft- und zeitaufwendigen, riskanten, mühevollen und mühsamen Begegnungen der Art, wie sie Menschen über 1000e Jahren ihrer Evolution hinweg pflegen mussten. Und all das wird zunehmen: SmartHome, SmartCar, alles wird smart, und für uns doch wieder dumm, weil das Smart eben genau das ist, was wir in seiner Struktur und in seinem Entstehen nicht mehr zu verstehen vermögen. Viele von uns und unseren Kindern verkaufen ihre und unsere Selbstbestimmung für eine Linsensuppe der Bequemlichkeit.

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Diese Entwicklung untergräbt allerdings genau die kulturellen Basisfähigkeiten, auf die Sie als Lehrperson bauen müssen, um in Ihren Klassenräumen Situationen politischen Glücks zu erzeugen. Toleranz, Verstehen, körperliche Begegnung und gegenseitige Anerkennung sind anstrengend, der Digitale Wandel führt unter anderem dazu, dass die meisten Ihrer künftigen SchülerInnen darin nur noch sehr wenig Übung haben werden, und auch gar keine Lust, es geht ja scheinbar viel einfacher. Welch ein Irrtum! Also, worauf kommt es in dieser Frage für Sie an? Sie werden eine soziale Welt, einen realen politischen Raum jenseits der 1-und-0-Programmierung eröffnen müssen. Die Vorzüge erfahrbar machen müssen, die es hat, wenn man mehr als sonst unbedingt nötig in eben auch haptischen und olfaktorischen, also ganzheitlichen Austausch, Begegnung, Informationsgewinn und Lernen investiert. Der tiefe Wert und erst spät sichtbare Nutzen von Langsamkeit und Entschleunigung muss von Ihnen vermittelt werden. Auch das ist eine wesentliche Voraussetzung der Erzeugung glücklicher politischer Räume und damit Teil ihrer politischen Verantwortung als Lehrperson.

Ich glaube, eines dummen antidigitalen Kulturpessimismus‘ unverdächtig zu sein.  Unbestreitbare kulturelle Verluste wird man ehrlicherweise aber kulturellen Gewinnen gegenüberstellen sollen.

Tell heute

Gerne würde ich jetzt mit Ihnen noch etwas länger in die Zukunft schauen, aber ich fürchte, das geht Ihnen hier sowieso schon etwas zu lange. Das gesprochene Wort ohne Videoinszenierung, Musikuntermalung und Inszenierung ermüdet uns alle heute früher als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Ich hoffe, das jetzt am Ende meiner Rede, derjenige Punkt deutlich geworden ist, um den es mir vor allem ging: Die politische Verantwortung der Lehrperson ist keine Sache für Sonntagsanlässe oder für eine melodramatische Demonstration. Sie zeigt sich vielmehr konkret beruflich, alltäglich, in buchstäblich jeder Unterrichtsunde, sie verlangt viel von Ihrer Person, sie eröffnet Ihnen aber auch eine Perspektive auf berufliche Erfüllung. Denn wenn es Ihnen gelingt, in Ihren

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Unterrichtsstunden die SchülerInnen auf eine erfüllende Weise in echte Kommunikation zu bringen, dann werden Sie auch selbst erfüllt und zufrieden in Ihren Feierabend gehen.

Die Eidgenossenschaft ist vor vielen Jahrhunderten gegründet worden, ein Wilhelm Tell hätte heute nichts Neues zu beschwören. Die Tapferkeit, die Unbeugsamkeit, den Mut und die Zuversicht, wie sie uns über die Figur Wilhelm Tell berichtet wird, ist uns allen gleichwohl dringend nötig, damit wir dafür sorgen, dass dieses Gemeinwesen auch noch in 120 Jahren so aussieht und erfahrbar sein wird, wie wir es schon heute gerne hätten. Und dafür brauchen wir diesen Wilhelm Tell heute und auch noch auf unabsehbare Zeit.

(c) Marko Demantowsky: Tell heute. Zur gesellschaftspolitischen Verantwortung aller Lehrpersonen. In: Forum Didaktik der Gesellschaftswissenschaften in der Nordwestschweiz, 27. September 2016, URL: http://www.gesellschaftswissenschaften-phfhnw.ch/tell-heute/ (abgerufen am 13. Dezember 2017).

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