Wikipedia und Lehrerbildung

Die Anforderungen an die domänenspezifische Digital Literacy von Schülerinnen und Schülern und die darauf zu beziehenden Anforderungen an die Digital Literacy von Lehrpersonen ist in den Seminaren des Weiterbildungs-Studienangebots Geschichte (Sekundarstufe II) an der Pädagogischen Hochschule FHNW seit 2013 fester und regelmässig wiederkehrender Bestandteil des Seminars 1.4.


Ein zentrales Element aller Seminare der Studienangebote der Professur ist die systematische Verbindung von Theorie und Praxis.

Das gilt auch für die Seminare, die der Digital Literacy gewidmet sind. Dementsprechend ist es ein Anliegen dieser Lehrveranstaltungen, zentrale Plattformen historisch-politischen Wissens nicht nur quellenkritisch zu analysieren, sondern in ihnen auch auf exemplarische Weise praktisch tätig zu werden: Um sie auch zu verbessern.

Jan Hodel und ich haben mit unserer Tagung „Wikipedia in der Praxis“ vom Herbst 2015 (in Kooperation mit der Körber-Stiftung und der Gerda Henkel Stiftung) uns bemüht, diesem Anliegen öffentlich mehr Gehör zu verschaffen: Wenn die Suchmaschinen bei Wissensanfragen Wikipedia-Inhalt zuverlässig prominent ausweisen, dann hat es keinen Sinn, diesen Inhalt kulturpessimistisch zu verurteilen, sondern dann müssen wir alle an der Optimierung dieses Inhalts mitarbeiten. Daraus folgt auch, dass wir insbesondere angehenden Geschichtslehrpersonen Grundlagen der Wikipedia-Arbeit lehren müssen. Mehr Informationen (auch Videos) zur Tagung

Jan Hodel hat in seiner Dissertation sehr eindrücklich zeigen können, was passiert, wenn die Schülerinnen und Schüler ohne solide unterrichtliche Vorbereitung und auf sich selbst gestellt mit Wikipedia-Inhalt umgehen: Verkürzen und Verknüpfen.

Seit 2014 nun wurden in unseren Seminaren folgende Wikipedia-Artikel in kollaborativer Seminararbeit neu angelegt. Dabei achten wir darauf, dass Gewinne an Digital Literacy einhergehen mit fachinhaltlichen Erkenntniszuwächsen: Das Thema muss seine zweite Relevanz haben für den geschichtsdidaktischen Weiterbildungsstudiengang.

Die Studierenden haben diese für sie ungewöhnliche Aufgabe mit anfänglicher Skepsis, dann aber stets mit grossem Einsatz angenommen. Es war vor allem spürbar, dass das am Ende dieser Sequenz entstandene echte und öffentliche und auch wertvolle Produkt als eine positive und befriedigende Erfahrung verarbeitet worden ist.

Interessant ist vielleicht, dass mir bisher noch nicht einziger Studierender in diesen Projekten begegnet ist, der zuvor praktische Erfahrungen mit der Wikipedia gemacht hätte. Jeder von ihnen hat das Informationsangebot häufig genutzt, sich vielleicht manchmal über dessen Eigenarten gewundert, keiner hatte aber bisher den Versuch unternommen, dieses Angebot aktiv zu verbessern.

Auch viele Ansatzpunkte, den historischen und geschichtsdidaktischen Wikipedia-Contents analytisch zu begegnen, waren nicht oder nur sehr ungefähr bekannt und kaum je einmal zuvor ausprobiert worden: Sprachversionsvergleich, Bearbeitungsversionsvergleich, Diskussionsanlaysen, Autorenrecherchen, Trafficanalysen usw. usf.

Das Ziel dieses Studiensegmentes besteht nun nicht nur darin, dass die angehenden Lehrpersonen irgendwie besser Bescheid wissen, ihnen damit die Schwellenangst zum aktiven Engagement genommen ist, sondern vielmehr auch darin, ihnen quasi am eigenen Leib zu demonstrieren, wie befriedigend ein Beitrag zum frei verfügbaren Weltwissen ist.

Die Hoffnung besteht, dass einige von diesen Studierenden später im eigenen Unterricht daran denken werden, und mit Schülerinnen und Schülern die Ergebnisse von historischer Projektarbeit in den lokalen und regionalen Archiven oder von Zeitzeugenbefragungen nicht in Schubladen, grauer Literatur, regionalen Zeitungen oder abgelegenen Sammelbänden gleichsam verschwinden, sondern die Menschheit über die Wikipedia daran teilhaben zu lassen – sofern den Relevanzkriterien der Wikipedia Rechnung getragen werden kann.

 

Bildnachweis
Editing Wikipedia (c) Teemu Perhiö (via Flickr)

(c) Marko Demantowsky: Wikipedia und Lehrerbildung. In: Forum Didaktik der Gesellschaftswissenschaften in der Nordwestschweiz, 12. Oktober 2017, URL: http://www.gesellschaftswissenschaften-phfhnw.ch/wikipedia-und-lehrerbildung/ (abgerufen am 21. November 2017).

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